60 Minuten trennen den TuS von Liga Zwei

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Dass sich die Spieler des TuS Ferndorf nach den Spielen bei ihren Fans bedanken, ist in den letzten Jahren zu einer schönen Angewohnheit geworden. Dass die Spieler in den Fanblock hineingehen und sich für die Unterstützung bedanken, passiert hingegen nur bei den ganz wichtigen Spielen. Kapitän Mattis Michel ging am 11.Juni 2022 in Dormagen voran und nahm seine Mitspieler mit in den Block. Ein schwerer Gang, denn der TuS Ferndorf war gerade, trotz rekordverdächtiger dreißig Pluspunkten die wahrscheinlich nie wieder ein Absteiger haben wird, in die dritte Liga abgestiegen. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später, am 08.Juni 2024 in Braunschweig, ging der Kapitän wieder einmal vorneweg. In den Block – um den mitgereisten Fans für eine tolle Stimmung zu danken, aber auch, um der Freude freien Lauf zu lassen. Denn an diesem 8.Juni wurde der Grundstein gelegt für den letzten Schritt zum großen Ziel, den die TuS-Equipe am 15. Juni ab 19 Uhr gehen möchte.

In den Weg stellt sich dann eine Mannschaft, die mit dem Mute der Verzweiflung sicherlich alles daran setzen wird, sich in der ersten Viertelstunde eine Führung zu erarbeiten, um die TuS-Spieler zum Nachdenken zu zwingen. „Wir rechnen mit einigen unkonventionellen Ideen und müssen die ersten zwanzig Minuten überstehen“, hat Ferndorfs Coach Ceven Klatt mit seinem Team über die möglichen Situationen gesprochen, die auf seine Jungs zukommen könnten. Braunschweig ist mit einem ständigen Spiel Sieben gegen Sechs und der offensiv interpretierten 5:1 Abwehr sowieso ein unangenehmer Gegner. On top könnte Braunschweigs Coach Volker Mudrow einige ganz krumme Pfeile im Köcher haben. Denn auch auf Szenarien wie eine 3:3 Abwehr oder auch eine offene Manndeckung haben sich die Klatt-Mannen unter der Woche vorbereitet. Denn auch wenn die Neun-Tore-Führung aus dem Hinspiel äußerst komfortabel erscheint, sind die mahnenden Beispiele, dass so etwas auch noch schief gehen kann, gar nicht so weit hergeholt. Immer wieder wurde von Braunschweiger Seite in den letzten Tagen der THW Kiel und sein Zehn-Tor-Wunder in der Champions-League gegen Montpellier bemüht. Doch auch im anderen Aufstiegsspiel gab es kurioses zu sehen, als die HSG Konstanz bei Eintracht Hildesheim kurz nach der Halbzeit mit sieben Toren in Führung ging, das Spiel aber am Ende mit drei Toren verlor. Doch all diesen Szenarien erteilt der Mann auf der Ferndorfer Kommandobrücke eine Absage: „Unser Saisonziel ist weiterhin, die Saison ohne eine Niederlage zu beenden. Wir wollen das Gefühl ungeschlagen zu sein, gerne mit in die kurze Sommerpause nehmen. Und obendrein feiert es sich mit einem Sieg im Gepäck wesentlich leichter!“ 

Ferndorfs Aufstiegsträume durchkreuzen möchte ein Team, dass aufgrund seiner unkonventionellen Spielweise und einem herausragenden Nachwuchstalent reüssiert. Die eingangs erwähnte Braunschweiger DNA in Offensive und Defensive wird garniert von Trainersohn Jan Mudrow. Der 17-jährige ist Dreh- und Angelpunkt im Braunschweiger Spiel und initiiert fast jede gefährliche Situation. Durch sein exzeptionelles Talent ist er in der Lage sowohl in der Kleingruppe zu agieren, als auch selber den Abschluss zu suchen. Ihm zur Seite stehen die beiden besten Torschützen der Gäste, Bela Pieles und Nikolaos Tzoufras. Dabei profitiert Linksaußen Pieles ungemein von der offensiven Abwehr, aus der heraus der gegenstoßorientierte Außen immer wieder Abschlüsse generiert. Kreisläufer Tzoufras, seines Zeichens 38-facher Nationalspieler Griechenlands, ist hingegen der Profiteur des Sieben gegen Sechs. Denn gerade in Überzahl lösen die Mudrow-Mannen nur allzu gerne über den Kreis auf. Allerdings darf als Erkenntnis aus dem Hinspiel gewonnen werden, dass die Spielweise der Braunschweiger in Angriff und Abwehr ungemein kraftraubend ist. Somit könnte das Zünglein an der Waage auch die physische Verfassung der Teams sein.

„Das Gefühl in dieser Trainingswoche war schon ein anderes als in der letzten Trainingswoche“ – Klatt hat bei seinen Jungs schon eine gewisse Lockerheit verspürt, in der er aber gleichzeitig eine Gefahr sieht, die er aber wohlweislich unterbindet: „Wir haben lange Video aus dem Hinspiel geschaut. Unsere gute Abwehr in den Fokus gestellt. Aber auch die gelungenen Offensivaktionen aus der zweiten Halbzeit sowie die guten Abläufe!“ Und wahrlich war es eine zweite Hälfte zum Zungeschnalzen, welche die Siegerländer Handballer da in die Braunschweiger Sporthalle Alte Waage gezaubert haben. Der Kopf des Ferndorfer Spiels, Janko Kevic, initiierte immer wieder Auftakthandlungen, in denen wesentlich mehr Verve steckte, als noch zu Beginn des Spiels. Die Last des Torewerfens wurde nun auf fast alle Spieler des Kaders verteilt, so dass der Gastgeber vor teils unlösbare Aufgaben gestellt wurde. Am Ende war es wieder einmal die rechte Angriffsseite des TuS, die ein wenig herausragte. Im Abwehrverbund wenig anbrennen lassen und im Angriff mehr als die Hälfte aller Ferndorfer Tore markiert. Fabian Hecker und Marvin Mundus, insbesondere aber Mister Zuverlässig, Josip Eres, funktionierten wie ein Schweizer Uhrwerk. Fürs Rückspiel werden Klatt, bis auf die Langzeitverletzten Julius Fanger und Alexander Reimann, alle Spieler zur Verfügung stehen.

Ausverkauft – und das so schnell wie nie zuvor ; die Freude unter den Siegerländer Handballfans ist genauso groß wie die Erwartungshaltung. Am Samstagabend soll gefeiert werden. Die Rückkehr in die zweithöchste deutsche Spielklasse soll perfekt gemacht werden. „Mit den Fans im Rücken“ war ein oft benutztes Klatt-Zitat der letzten Wochen, welches mehr und mehr an Bedeutung gewonnen hat. Wenn der Hexenkessel Fahrt aufnimmt und die Stimmung ebenso hochkocht wie beim Spiel gegen den HC Oppenweiler/Backnang, dürfte nur schwer Zählbares zu entführen sein aus Kreuztals Handballtempel.

Am Samstagabend ab 19 Uhr gibt es für die Jungs in Rot und Weiß die Möglichkeit, ein Puzzleteile  Ferndorfer Aufstiegshelden zu werden:

Macht es mit der Cleverness eines Uwe Becker
Macht es mit der Power eines Andreas „Witschi“ Hein.
Macht es mit der Wucht eines Marc Stenske.
Macht es mit dem Mut eines Roger Becker.
Macht es mit der Unbekümmertheit eines Torsten Schierbaum.
Macht es mit der Selbstverständlichkeit eines Alex Orlov.
Macht es mit dem Willen eines Julian Schneider.

Das Spiel der Spiele war innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Doch alle die die leer ausgegangen sind, müssen auf das Spektakel in der Stählerwiese nicht verzichten. Über Sportdeutschland.tv kann wieder mitgefiebert werden. Und ab kommender Saison heißt der Rechteanbieter dann hoffentlich DYN, wenn es in und um Ferndorf wieder heißt: Scream for your team – mit der #familieferndorf, mit der #familietus !


WISSENWERTES
Gegner: MTV Braunschweig
Heimspielstätte: Sporthalle Alte Waage (1.250 Plätze)
Einwohner Braunschweig: 252.000 (zum Vergleich: Ferndorf = 3.900)
Trikotfarbe: rot / schwarz
größter Erfolg: 1986-1988 Handball-Zweitligist

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